Botschaft von Papst Johannes Paul II. an die Kartäuser zum 900. Todestag des hl. Bruno im Jahre 2001

 

An den Reverendus Pater Marcellin Theeuwes,

Prior der Großen Kartause und Generalminister des Kartäuserordens,

und an alle Mitglieder der Kartäuserfamilie.

1. Zu dem Zeitpunkt, wo die Mitglieder der Kartäuserfamilie den 900. Todestag ihres Gründers feiern, sage ich zusammen mit ihnen Gott Dank, der in seiner Kirche die herausragende und stets zeitgemäße Gestalt des heiligen Bruno erweckt hat. Ich weiß eure Treue zum Stuhl Petri, von der ihr Zeugnis ablegt, zu schätzen und vereinige mich in glühendem Gebet von Herzen gerne mit der Freude des Kartäuserordens, welcher in diesem „gar guten und unvergleichlichen Vater" einen Meister des geistlichen Lebens findet. Am 6. Oktober 1101 verließ Bruno, „brennend vor göttlicher Liebe die flüchtigen Schatten der Welt" um endgültig zu den „ewigen Gütern" zu gelangen (vgl. Brief an Radolf, Nr. 13). Die Brüder der Einsiedelei Santa Maria delle Torre in Kalabrien, denen er so große Zuneigung geschenkt hatte, konnten nicht daran zweifeln, dass dieser Dies natalis ein einzigartiges geistliches Abenteuer einleiten werde, welches auch heute noch für die Kirche und für die Welt reichlich Frucht trägt.

Bruno war Zeuge des kulturellen und religiösen Umbruchs, der zu seiner Zeit das entstehende Europa heimsuchte; er war tätig in der Reform, welche die Kirche angesichts der internen Schwierigkeiten durchzuführen wünschte, und er war ein geschätzter Lehrer gewesen. In dieser Lage fühlt sich Bruno gerufen, sich dem einzigen Gut zu weihen, welches Gott selbst ist. „Gibt es etwas anderes, was so gut ist wie Gott? Ja noch mehr: Gibt es ein anderes Gut außer Gott allein? Darum spricht die heilige Seele, da sie die unvergleichliche Pracht, Strahlkraft und Schönheit dieses Gutes teilweise spürt, von der Flamme der Liebe entzündet: ‚Meine Seele dürstet nach dem starken und lebendigen Gott; wann werde ich kommen und vor dem Angesicht Gottes erscheinen?" (Brief an Radolf Nr. 16). Die Radikalität dieses Durstes brachte Bruno dazu, im geduldigen Hören auf den Geist zusammen mit seinen ersten Gefährten eine Art des eremitischen Lebens herauszubilden, wo alles die Antwort auf den Ruf Christi begünstigt, der zu jeder Zeit „Menschen auserwählt hat, um sie in die Einsamkeit zu führen und in inniger Liebe mit sich zu vereinigen" (Statuten des Kartäuserordens, 1,1). Durch diese Wahl des „Lebens in der Wüste" lädt Bruno seitdem die gesamte Gemeinschaft der Kirche ein, „niemals die höchste Berufung aus den Augen zu verlieren, nämlich immer beim Herrn zu sein" (Vita consecrata, Nr. 7).

Bruno zeigt seinen lebendigen Sinn für die Kirche — er, der fähig war, „sein" Vorhaben zu vergessen, um auf den Ruf des Papstes zu antworten. Er war sich bewusst, dass der Lauf auf dem Weg der Heiligkeit nicht ohne den Gehorsam gegenüber der Kirche gedacht werden kann, und hält uns damit vor Augen, dass es das wahre Leben in der Nachfolge Christi verlangt, sich seinen Händen zu überlassen, und es in der Selbstverleugnung einen Zuwachs an Liebe an den Tag legt. Eine solche Einstellung ließ Bruno in ständiger Freude und stetem Lobpreis leben. Seine Brüder stellten fest, dass „sein Angesicht stets vor Freude strahlte und er in Worten stets bescheiden war. Mit der Kraft eines Vaters zeigte er die Herzensgüte einer Mutter" (Einführung zur Totenrolle Brunos). Diese feinsinnigen Worte der Totenrolle drücken die Fruchtbarkeit eines Lebens aus, welches der Betrachtung des Antlitzes Christi geweiht war, der Quelle apostolischer Wirksamkeit und der Triebkraft der brüderlichen Liebe. Mögen die Söhne und Töchter des heiligen Bruno nach dem Beispiel ihres Vaters unermüdlich fortfahren, Christus zu betrachten. So „harren sie auf göttlichem Wachtposten aus und warten auf die Rückkehr ihres Herrn, um ihm sogleich zu öffnen, wenn er anklopft" (Brief an Radolf Nr. 4). Dies ist ein Anruf der alle Christen anregt, im Gebet wachsam zu bleiben, um ihren Herrn zu empfangen!

2. Nach dem großen Jubiläum der Menschwerdung gewinnt die Feier des 900. Todestages des heiligen Bruno heute eine ergänzende Bedeutung. Im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte lade ich das gesamte Volk Gottes ein, von neuem von Christus auszugehen, um jenen, die nach Sinn und Wahrheit dürsten, zu gestatten, das Herz Gottes und das Herz der Kirche schlagen zu hören. Das Wort Christi: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20) ruft alle, die den Namen des Jüngers tragen, auf, aus dieser Gewissheit neue Begeisterung für ihr christliches Leben zu schöpfen — eine Kraft, welche ihren Weg inspiriert (vgl. Novo millennio ineunte, Nr. 29). Die Berufung zum Gebet und zur Kontemplation, die das Kartäuserleben charakterisiert, zeigt in besonderer Weise, dass Christus allein der menschlichen Hoffnung eine Fülle des Sinns und der Freude bringen kann.

Wie kann man darum nur einen Augenblick daran zweifeln, dass ein solcher Ausdruck reiner Liebe dem Kartäuserleben eine außerordentliche missionarische Fruchtbarkeit verleiht? In der Abgeschiedenheit des Klosters und in der Einsamkeit der Zelle weben die Kartäuser geduldig und still das Hochzeitsgewand der Kirche, „bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat" (Offb 21,2); sie bieten täglich die Welt Gott dar und laden die gesamte Menschheit zum Hochzeitsfest des Lammes ein. Die Feier des eucharistischen Opfers stellt die Quelle und den Gipfel des gesamten Lebens in der Wüste dar; denn es formt jene, die sich der Liebe ausliefern, um zum Sein Christi selbst, damit sie die Gegenwart und das Tun des Erlösers in der Welt sichtbar machen für das Heil aller Menschen und zur Freude der Kirche.

3. Im Herzen der Wüste, diesem Ort der Prüfung und Reinigung des Glaubens, führt der Vater die Menschen auf einen Weg der Enteignung, der alle Logik des Habens, des Erfolgs und des illusorischen Glücks in Frage stellt. Guigo der Kartäuser hörte nicht auf, jene, die gemäß dem Ideal des heiligen Bruno leben wollten, zu ermutigen, „dem Beispiel des armen Christus zu folgen, (um) am reichen Christus Anteil (zu) haben" (Über das eremitische Leben, Nr. 6). Diese Enteignung nimmt ihren Weg über eine radikale Trennung von der Welt, welche keine Verachtung der Welt, sondern eine Ausrichtung ist, die man mit seinem ganzen Sein in einer unentwegten Suche nach dem einzigen Gut vollzieht:

„Du hast mich betört, Herr und ich ließ mich betören" (Jer 20,7). Glücklich ist die Kirche, da sie über das kartusianische Zeugnis verfügt, das Zeugnis von der völligen Verfügbarkeit gegenüber dem Geist und vom Leben, das vollständig Christus übergeben ist!

Ich lade darum die Mitglieder der Kartäuserfamilie ein, durch die Heiligkeit und Einfachheit ihres Lebens auch weiterhin eine Stadt auf dem Berg und eine Lampe auf dem Leuchter zu sein (vgl. Mt 5,14-15). Verwurzelt im Wort Gottes, gesättigt von den Sakramenten der Kirche, unterstützt vom Gebet des heiligen Bruno und der Brüder, sollen sie für die ganze Kirche und im Herzen der Welt „Orte der Hoffnung und der Entdeckung der Seligpreisungen" bleiben, „Orte, an denen die aus dem Gebet, der Quelle der Gemeinschaft, schöpfende Liebe zur Logik des Lebens und zur Quelle der Freude werden soll" (Vita consecrata, Nr. 51)! Als wahrnehmbarer Ausdruck einer Opfergabe des ganzen Lebens, welches in Vereinigung mit dem Leben Christi geführt wird, ruft das Leben in der Klausur dadurch, dass es die Gefährdung des Daseins spüren lässt, dazu auf, nur auf Gott allein zu zählen. Es schärft den Durst nach den Gnaden, die durch die Betrachtung des Wortes Gottes verliehen wer den. Es ist darüber hinaus „der Ort der geistlichen Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern und Schwestern, wo die Raum- und Kontaktbeschränkung zum Vorteil der Verinnerlichung der evangelischen Räte gereicht" (ebd., Nr. 59). Die Suche Gottes in der Kontemplation ist ja untrennbar mit der Liebe zu den Brüdern verbunden, mit der Liebe, die uns das Antlitz Christi im ärmsten der Menschen erkennen lässt. Die in der brüderlichen Liebe gelebte Betrachtung Christi bleibt der sicherste Weg zur Fruchtbarkeit jedes Lebens. Der heilige Johannes hört nicht auf, daran zu erinnern: „Geliebte, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott" (1 Joh 4,7). Der heilige Bruno hatte dies gut verstanden — er, der niemals den Vorrang, den er Gott in seinem ganzen Leben gab, von der tiefen Menschlichkeit trennte, die er gegenüber seinen Brüdern bezeugte.

4. Der 900. Jahrestag des Dies natalis des heiligen Bruno gibt mir die Gelegenheit, mein lebhaftes Vertrauen zu erneuern, das ich dem Kartäuserorden in seiner Sendung der ab sichtslosen Kontemplation und der Fürbitte für die Kirche und für die Welt entgegenbringe. Als Erben des heiligen Bruno und seiner Nachfolger rütteln die Klöster der Kartäuser die Kirche unaufhörlich wach für die eschatologische Dimension ihrer Sendung; sie rufen die Wunder in Erinnerung, die Gott tut, und wachen in der Erwartung der letzten Erfüllung der Hoffnung (vgl. Vita consecrata, Nr. 27). Als unermüdlicher Wächter im Hinblick auf das kommende Reich gibt der Kartäuserorden, der vor dem Handeln das Sein sucht, der Kirche Kraft und Mut in ihrer Sendung, um weit auszuschreiten und um der Guten Nachricht Christi zu gestatten, die gesamte Menschheit zu entflammen.

In diesen Tagen, die der Orden festlich begeht, bete ich inständig zum Herrn, er möge in den Herzen zahlreicher junger Menschen den Ruf ertönen lassen, alles zu verlassen, um dem armen Christus zu folgen auf dem Weg des Kartäuserlebens, der zwar viel fordert, jedoch auf ungeahnte Weise befreit. Ich lade ebenfalls die Verantwortlichen der Kartäuserfamilie ein, ohne Furcht auf die Rufe der jungen Kirchen zu antworten, Klöster auf ihrem Gebiet zu gründen.

In diesem Geist muss die Unterscheidung und die Ausbildung der Kandidaten, welche vorstellig werden, auf neue Weise die Aufmerksamkeit der Ausbilder beanspruchen. Denn unsere zeitgenössische Kultur, die geprägt ist von einer stark hedonistischen Einstellung, vom Besitzstreben und von einer gewissen irrigen Auffassung von Freiheit, macht es den jungen Menschen, welche ihr Leben Christus weihen wollen, nicht leicht, ihrer Großmut Ausdruck zu verleihen, wenn sie Christus nachfolgen wollen auf dem Weg einer hingebungsvollen Liebe, eines konkreten und edlen Dienstes. Die Vielschichtigkeit jedes persönlichen Lebensweges, die psychologische Zerbrechlichkeit, die Schwierigkeiten, die Treue in der Zeit zu leben, fordern dazu auf, dass nichts vernachlässigt wird, um jenen, die in die Wüste der Kartause einzutreten wünschen, eine Ausbildung zu gewährleisten, die alle Dimensionen der Person umfasst. Darüber hinaus schenke man besondere Aufmerksamkeit der Auswahl von Ausbildern, welche fähig sind, die Kandidaten auf dem Weg der inneren Befreiung und der Folgsamkeit gegenüber dem Geist zu begleiten. Und da man weiß, dass das brüderliche Leben ein grundlegendes Element auf dem Weg der gottgeweihten Personen ist, lade man schließlich die Kommunitäten dazu ein, vorbehaltlos die gegenseitige Liebe zu leben und dabei ein spirituelles Klima sowie einen Lebensstil zu entwickeln, die dem Charisma des Ordens angepasst sind.

5. Liebe Söhne und Töchter des heiligen Bruno! Wie ich es am Ende des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens Vita consecrata in Erinnerung rief, „sollt ihr euch nicht nur einer glanzvollen Geschichte erinnern und darüber erzählen, sondern ihr habt eine große Geschichte aufzubauen! Blickt in die Zukunft, in die der Geist euch versetzt, um durch euch noch große Dinge zu vollbringen" (Nr. 110). Im Herzen der Welt lebend, macht ihr die Kirche aufmerksam auf die Stimme des Bräutigams, der zu ihrem Herzen spricht: „Habt Mut! Ich habe die Welt besiegt" (Joh 16,33). Ich ermutige euch, niemals auf die Intuitionen eures Gründers zu verzichten, selbst wenn die Verarmung der Kommunitäten, die Abnahme der Eintritte und das Unverständnis, welches sich aus eurer Wahl eines radikalen Lebens ergibt, euch dazu führen könnten, an der Fruchtbarkeit eures Ordens und eurer Sendung zu zweifeln, deren Früchte auf geheimnisvolle Weise Gott zukommen!

Euch, liebe Söhne und Töchter der Kartause, die ihr die Erben des Charismas des heiligen Bruno seid, kommt es zu, in seiner ganzen Echtheit und Tiefe die Eigenart des geistlichen Weges zu bewahren, die er euch durch sein Wort und sein Beispiel aufgezeigt hat. Eure genussvolle Kenntnis Gottes, gereift im Gebet und in der Betrachtung seines Wortes, ruft das Volk Gottes auf, seinen Blick zu weiten zum Horizont einer neuen Menschheit auf der Suche nach der Fülle ihres Sinnes und der Einheit. Eure Armut, die ihr für die Ehre Gottes und das Heil der Welt darbietet, ist eine beredte Infragestellung der Logik der Rentabilität und Wirtschaftlichkeit, welche oft das Herz des Menschen und der Nationen vor den wahren Bedürfnisses ihrer Brüder verschließt. Euer mit Christus verborgenes Leben bleibt nämlich wie das stille Kreuz, das ins Herz der erlösten Menschheit gepflanzt ist, für die Kirche und die Welt das beredte Zeichen und die stete Erinnerung daran, dass jedes Wesen, gestern wie heute, sich von dem ergreifen lassen kann, der nichts als Liebe ist.

Ich vertraue alle Mitglieder der Kartäuserfamilie der Fürbitte der Jungfrau Maria an, der Mater singularis Cartusiensium (der einzigartigen Mutter der Kartäuser), dem Stern der Evangelisation im dritten Jahrtausend, und spende ihnen von Herzen den apostolischen Segen, den ich auch auf alle Wohltäter des Ordens ausdehne.

Im Vatikan, am 14. Mai 2001.