Verein der Freunde der
Kartause Aggsbach

Ziele des Kartäuserlebens

Deus solus quaeretur in perfecta solitudine (Gott allein soll gesucht werden in vollkommener Einsamkeit). Den großen biblischen Gestalten wie Abraham, Hiob, Moses, den Propheten und Johannes dem Täufer gleich, aber auch Christus, dem Herrn nachfolgend, der immer wieder in der Einsamkeit Zwiesprache mit seinem Vater hielt, sucht der Kartäuser den Anruf Gottes in der Einsamkeit zu vernehmen und Ihm zu begegnen.

„Unser Bemühen und unsere Berufung besteht vornehmlich darin, uns dem Schweigen und der Einsamkeit der Zelle zu widmen. Denn die Zelle ist das heilige Land und der Ort, wo der Herr und sein Diener sich häufig miteinander unterhalten wie jemand mit seinem Freund. Oft zieht dort das Wort Gottes die treue Seele an sich, der Bräutigam verbindet sich mit seiner Braut, Irdisches wird dem Himmlischen, Menschliches dem Göttlichen geeint.“ (Statuten, Kap.4,1).

Immer wieder hat die katholische Kirche die Bedeutung der kontemplativen Orden hervorgehoben, so auch das 2.Vatikanische Konzil:

„Die gänzlich auf die Kontemplation hingeordneten Institute, deren Mitglieder in Einsamkeit und Schweigen, anhaltendem Gebet und hochherziger Buße für Gott allein da sind, nehmen - mag die Notwendigkeit zum tätigen Apostolat noch so sehr drängen - im mystischen Leib Christi, dessen 'Glieder nicht alle den gleichen Dienst verrichten' (Röm. 12,4), immer eine hervorragende Stelle ein. Sie bringen Gott ein erhabenes Lobopfer dar und schenken dem Volk Gottes durch überreiche Früchte der Heiligkeit Licht, eifern es durch ihr Beispiel an und lassen es in geheimnisvoller apostolischer Fruchtbarkeit wachsen." (Perfectae caritatis)

Das Konzil macht deutlich, dass das „verborgene Leben“ nicht eine egozentrische Weltflucht ist, sondern ein wichtiger Dienst an den Schwestern und Brüdern im Volk Gottes. Das gilt auch für die Rolle der Kartäuser:

„Welchen Gewinn und göttlichen Genuss die Einsamkeit und das Schweigen in der Einöde ihren Freunden bereitet, das wissen nur die, die es erfahren haben. Diesen besten Teil haben wir jedoch nicht nur zu unserem eigenen Nutzen erwählt. Mit der Wahl des verborgenen Lebens verlassen wir ja die Menschheitsfamilie nicht. Indem wir nur für Gott da sind, erfüllen wir vielmehr eine Aufgabe in der Kirche, in der das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung hingeordnet ist.“ (Statuta ordinis cartusiensis, 34/1)

Worin besteht nun konkret die Aufgabe der Kartäuser? Wie ist ein Dienst an Gott und den Menschen in dieser Form möglich?

a) Gottesliebe:

Wie jeder Christ, versucht auch der Kartäuser, trotz menschlicher Begrenztheit und Schwäche, das größte Gebot zu erfüllen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt. 22,37-39). Es gibt viele Wege, diese Liebe zu leben; einer davon ist derjenige der Kartäuser.

Die Liebe zu Gott findet ihre Verwirklichung im Gebet, in der Betrachtung, der Liturgiefeier und der Askese.

Und aus dieser Liebe zu Gott entspringt die Liebe zu den Schwestern und Brüdern in der Welt. Sie zeigt sich in folgenden Formen der Solidarität:

b) Nächstenliebe als spirituelle und materielle Solidarität:

1. Materielle Solidarität - Hilfe für die Armen: Ihrer Berufung gemäß ist die Liebe der Töchter und Söhne Sankt Brunos vor allem eine spirituelle, doch haben die Kartäuser immer auch konkret Arme und Bedürftige unterstützt.

„Um der barmherzigen Liebe unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus willen, der sich selbst am Kreuzesholz ganz für uns hingegeben hat, ermahnen und bitten wir schließlich mit großem Nachdruck alle Prioren unseres Ordens, entsprechend den Mitteln ihrer Häuser, aus ganzem Herzen und freigebig Almosen zu spenden, da wir überzeugt sind, dass es Diebstahl an den Armen und den Bedürfnissen der Kirche wäre, in unmäßiger Weise Ausgaben zu tätigen oder etwas zurückzubehalten. Deshalb wollen wir an der Bestimmung der Güter für die Allgemeinheit festhalten und so die ersten Christen nachahmen, von denen keiner etwas sein Eigentum nannte, sondern die alles gemeinsam hatten.“ (Statuta ord. cart., 29/19)

Dazu einige Beispiele aus der Geschichte:

„ In der Großen Kartause gab man (in der Zeit vor 1792, dem Jahr der Vertreibung der Mönche aus dem Kloster), so ein Augenzeuge, den Armen jede Woche 1600 Pfund Brot. […] Man teilte Suppe aus […] und gab jedem Armen, der vorbeikam, Brot. Man kleidete auch jedes Jahr hundert Arme ein. […] Um den Armen der Gegend zu helfen, unterhielten die Kartäuser eine Apotheke.“

„ […] Die Kartäuser hatten „Leben und Wohlstand in den Landstrich gebracht, sie waren der Schutzengel des Armen und die Stütze des Waisen und sie hatten mehr als einmal in Hungerjahren ganze Dörfer ernährt.“

„1861 eröffnete der Generalprior Dom Jean-Baptiste Mortaize in der Correrie (=Wirtschaftgebäude nahe der Großen Kartause) ein kleines, 30 Betten umfassendes Spital. Während seines 30-jährigen Bestehens wurden zehn- bis zwölftausend Kranke unentgeltlich behandelt. Aber die Kartäuser ersetzten es gegen 1890 durch das schöne Spital von Saint-Laurent-du-Pont (ein ca. 25 km entferntes Städtchen), das sie auf ihre Kosten erbauten und für dessen Unterhalt sie bis zu ihrer Vertreibung 1903 auch aufkamen.“ (La Grande Chartreuse17, S. 181/182 u. S. 261)

Bis zur ihrer Aufhebung 1782 führte die kleine niederösterreichische Kartause Aggsbach die Katharinenspende durch: „Ottos Gemahlin Agnes … (aus der Stifterfamilie der Maissauer) vermachte am 30. November 1433 … der Kartause ihren Schmuck; mit dem Erlös sollte sie Güter und Renten kaufen, um vom Ertrag alljährlich am St. Katherinentag zu Ehren der hl. Katherina beim Kloster an recht arme und bedürftige Leute eine Spende von Wein und Brot zu verteilen.“

2. Spirituelle Solidarität: Und nun zur spirituellen Verbundenheit mit den Schwestern und Brüdern „in der Welt draußen“: Aus der Gottsuche in Einsamkeit und Schweigen ergibt sich nämlich eine Verbundenheit mit den übrigen Menschen, die man als eine dreifache Solidarität bezeichnen kann:

a) Solidarität in der Suche nach Gott und Sinn:

Zunächst ist der Kartäuser solidarisch mit allen, die ehrlichen Herzens auf der Suche nach dem Absoluten sind. Durch sein geduldiges und bescheidenes Warten auf den Anruf Gottes zeigt er, dass die Gottesbegegnung nicht durch Techniken (etwa esoterischer oder östlicher Weisheitslehren) erzwingbar ist, sondern dass sie aus christlicher Sicht ein unverfügbares Geschenk Gottes ist.

Durch die schmerzliche Erfahrung der Abwesenheit Gottes, die auch der Kartäuser manchmal macht, ist er mit all jenen verbunden, die an der scheinbaren Absurdität der Welt und des Daseins leiden. Die beglückende Erfahrung der Nähe Gottes hingegen lässt auch die Schwestern und Brüder wissen, dass der Mensch nicht in einem kalten Universum alleingelassen ist, sondern dass das Streben nach Sinn und Glück ein erreichbares Ziel hat: den liebenden Gott.

b) Solidarität im Gebet für uns und an unser statt:

Die zweite Komponente kartusianischer Solidarität beruht auf der Lehre des Apostel Paulus vom mystischen Leib Christi:

„ ... Wie wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder denselben Dienst leisten, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören. Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade.“ (Röm., 12,3-6)

Die Akte eines Gliedes aber betreffen alle anderen:

„Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm.“ (l. Kor. 12,26).

Ebenso gilt aber: Wenn der Kartäuser vor Gott tritt, wenn er sich Gott durch Gebet und Arbeit, Betrachtung und Askese hingibt, so tut er dies auch im Namen seiner Brüder und für sie. Seine Hingabe wird zur Hingabe aller:

„Wenn wir daher wirklich Gott anhangen, verschließen wir uns nicht in uns selbst. Im Gegenteil: unser Geist wird offen und unser Herz wird so weit, dass es das ganze Weltall und das Heilsmysterium Christi zu umfassen vermag. Getrennt von allen, sind wir eins mit allen, damit wir stellvertretend für alle vor dem lebendigen Gott stehen.“ ( Statuta ord. Cart., 34/2)

Neben dem stellvertretenden Gebet sehen die Kartäuser im fürbittenden Gebet eine wichtige Aufgabe:

„Immer schon verweist die Kirche darauf, dass die sich allein der Betrachtung widmenden Mönche eine Aufgabe der Fürsprache erfüllen. … Durch Christus, ‚der zur Rechten Gottes sitzt und der allezeit lebt, um für die Menschen einzutreten’ (Röm 8,34 u. Hebr 7,25) tragen sie vor Gott die Sehnsüchte und Probleme der Welt sowie die Anliegen und Sorgen der ganzen Kirche." (La Grande Chartreuse17, S.106)

Und Papst Johannes Paul II. bekräftigte in seiner Ansprache an die Mönche der Kartause Serra San Bruno vom 5. Oktober 1984:

„Euch sind die Lebensumstände der Brüder, die an die Pforte eurer Einsamkeit klopfen, nicht fremd. Sie nehmen ihre Probleme, ihre Leiden, die Schwierigkeiten des Lebens mit zu euch. Vermittelt ihnen, trotz aller Rücksichtnahme auf die Erfordernisse eures kontemplativen Lebens, die Freude Gottes, versichert ihnen, dass ihr für sie betet, dass ihr eure Entbehrungen aufopfert damit auch sie Kraft und Mut an der Quelle des Lebens schöpfen, die da ist Christus“. (La Grande Chartreuse17, S. 107)

c) Solidarität durch das Glaubenszeugnis:

Es gibt noch einen dritten Bereich, in dem sich die Solidarität der Kartäuserinnen und Kartäuser zeigt: die geschwisterliche Ermahnung durch ihr Beispiel, sich auf das Wesentliche zu besinnen, trotz oder wegen der Schönheit der Schöpfung nicht auf den Schöpfer, den Geber alles Guten, zu vergessen.

Jedes Apostolat impliziert ein Zeugnis-Geben. So ist auch das verborgene und entbehrungsreiche Leben des Kartäusers ein Zeugnis und eine Mahnung: Der Mensch soll seine Hoffnung nicht auf vergängliche Werte setzen, sondern auf Den, der seine Liebe durch Jesus von Nazareth geoffenbart hat.

„Durch unsere Profess streben wir einzig nach Dem, der ist. Dadurch geben wir der Welt, die sich zu sehr in den irdischen Dingen verstrickt, Zeugnis, dass es außer Ihm keinen Gott gibt.“ (Statuta ord. cart., 34/3)

Zusammenfassend kann man sagen:

„Wie für alle Mönche und für alle Christen ist das Ziel des Kartäuserlebens die Vollkommenheit der Liebe, so wie sie Jesus durch seine Worte, sein Leben, seine Taten und besonders durch seinen Tod am Kreuz gelehrt hat. Der Kartäuser geht dazu einen ganz bestimmten Weg: den des inneren Lebens, eines Lebens in Einsamkeit, das soviel als möglich der Betrachtung gewidmet sein soll. ... Dieser Weg ... ist verwirrend, wenn man ihn nur äußerlich betrachtet, denn er scheint jeden Horizont, jede Offenheit für seine Menschenbrüder, für die gesamte Kirche, zu verschließen. Und doch ist es ein befreiender Weg für diejenigen, die ihn im Glauben und in Beharrlichkeit beschreiten, und allein ihr Beispiel und ihre Erfahrung können seinen Wert bestätigen.“ (Ein Kartäuser der Kartause Montrieux)

Wir „in der Welt draußen“, lieber Besucher dieser Internet-Seiten, haben auch nicht nur annähernd die zeitliche Möglichkeit, uns so wie die Kartäuser durch eine erfüllte Stille offen zu halten für Gottes Anruf und Zuspruch.

Der hl. Bruno und die Kartäuser wollen uns jedoch Mut machen, die Zeit unseres Lebens aktiv zu gestalten und je nach unserer Verantwortung Zeiträume für Wesentliches freizuhalten: für Menschen, für die wir verantwortlich sind (Partner, Kinder, Freunde…), und auch einen - wenigstens kleinen - Zeitraum für Gott. Dies könnte für uns bedeuten, uns täglich wenigstens 10 bis 15 Minuten der Stille zu gönnen, um über Wesentliches nachzudenken, um unserem Gewissen, dem „Sinn-Organ“ (Viktor FRANKL), zuzuhören oder um durch das Lesen einiger Zeilen der Bibel Trost zu finden und Mut zu fassen. - Weitere Gedanken in: Elisabeth LUKAS: Spirituelle Psychologie, Kösel-Verlag und: Der hl. Bruno und die Kartausen Mitteleuropas, Analecta cartusiana 190 (erhältlich über den Verein der Freunde der Kartause Aggsbach; Buchhandlungen: Dom-Verlag Wien; Domverlag Melk; Herder Wien).

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